Hallo, jemand zu Hause?

Der Februar ist der Monat des Wintersports. Viele Menschen nutzen
die Winterferien, um ihrem Alltag zu entfliehen.

Mir scheint es manchmal, dass wir nur im Urlaub wirklich
entspannen und loslassen können – nur noch zwei Wochen, dann
fahren wir in den Urlaub! Als würde man die Zeit bis dahin gar nicht
wirklich leben und genießen können, als würde man erst im Urlaub
„richtig leben“. Und wenn wir wieder zurück sind, dann fallen
wir in ein Loch und trösten uns mit dem Gedanken, dass der nächste
Urlaub bald kommt – im besten Falle.

Warum fällt es uns so schwer, auch unseren Alltag zu genießen?
Warum können wir nur im Urlaub wirklich abspannen.

Manche Menschen wirken in ihrem Alltag wie Maschinen, die nur
funktionieren, die nur aushalten bis zum nächsten Urlaub. Dieses
„Funktionieren“ ist so selbstverständlich geworden, dass es den
Meisten gar nicht mehr auffällt. Im Gegenteil: Viele belächeln die
Menschen, die bewusster leben wollen, meditieren oder einen
Achtsamkeitskurs besuchen. Manche interpretieren das als Eingestehen
von Schwäche und Überforderung, von Nicht
-genug-Leistung-geben-können. Andere rasen von einem Termin
zum nächsten und arbeiten fleißig einen Programmpunkt nach dem
anderen auf der langen „To-do-Liste“ ab. Am Abend liegen sie dann
jedoch im Bett und stellen fest, dass sie fix und fertig sind, der
Tag an ihnen vorbei gezogen ist und sie sich trotzdem irgendwie leer
fühlen.

Auch bei meinen Studenten muss ich leider oft diese Beobachtung
machen. Sie sind zwar unheimlich emsig und bemüht alles „richtig“
zu machen, aber sie sind nicht wirklich da. Natürlich sind sie
physisch anwesend, aber in ihren Köpfen sind sie beim letzten
Referat oder bei der morgigen Prüfung. Da ich selbst das
vollgestopfte Studienprogramm hinter mir habe, kann ich mit meinen
Studenten mitfühlen. Auch ich selbst konnte erst nach dem Studium
begreifen, dass der Sinn des Lebens nicht das Abarbeiten von
Prüfungen ist. Natürlich kann ich nach außen hin sagen, dass ich
meinen Abschluss in der Tasche habe. Aber ich wünschte, ich hätte
mein Studium bewusster gelebt. Ich wünschte, ich hätte eher
verstanden, dass Abschlüsse nicht alles
bedeuten. Dass sie nichts darüber verraten, wie gut,
qualifiziert oder glücklich und erfüllt wir wirklich sind.
Letztendlich ist meine Erkenntnis, dass nur die Lebenserfahrungen,
die wir machen, wirklich zählen und diese sind weder richtig noch
falsch und lassen sich in keinen Bewertungsmaßstab einsortieren.

Jetzt denken Sie vielleicht, dass das zwar ganz schön und gut
ist, was ich hier schreibe, aber was soll das mit Stimmtraining zu
tun haben? Ich sehe in meinem Unterricht oft den Willen meiner Kunden
und Studenten alles „richtig“ machen zu wollen und möglichst
schnell Ergebnisse vorweisen zu können. Sie kommen aus ihrem Alltag
und sehen die Stimmbildung als nächsten Programmpunkt auf der
Tagesliste. Sie kommen zwar physisch in den Raum, sind aber
eigentlich noch beim vorherigen Ort oder Erlebnis des Tages. Den Kopf
voll mit anderen Dingen, wollen sie jetzt etwas Neues lernen. Das
funktioniert jedoch nicht. Solange wir es nicht schaffen, wirklich im
Moment anzukommen – und zwar nicht nur körperlich, sondern vor
allem mit unserem Geist, unseren Sinnen und Emotionen – solange
sind wir nicht wirklich anwesend. Wir haben zwar unseren Kopf
befriedigt, in dem wir sagen „Schau mal, ich war heute fleißig,
ich bin zur Sprecherziehung gegangen und habe etwas für meine Stimme
bzw. Kompetenz getan.“ Fakt ist jedoch, dass wir viel weniger
Lernen, wenn wir nicht mit all unseren Sinnen dabei sind. Was jedoch
noch viel schlimmer ist, ist die Tatsache, dass wir durch das
unbewusste Abarbeiten unsere Seele – so pathetisch das jetzt auch
klingen mag – nicht mitnehmen. Dadurch fühlen wir uns am Ende des
Tages emotional leer und müde. Und diese „leeren Tage“ zählen
wir ab bis zum nächsten Urlaub, bis wir wieder bewusst leben können.
Denn dort passiert uns das nicht. Da können wir sechs Stunden
Abfahrtsski betreiben und an nichts anderes denken. Wir sind am Abend
zwar körperlich erschöpft, aber glücklich und beseelt.

Jetzt sagen Sie vielleicht – na klar, da machen ich ja auch nur
Sachen, die mir Spaß machen, aber das Leben besteht nicht nur aus
Spaß. Und da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Manchmal muss man im
Leben auch Dinge tun, die unbequem sind, wo man aber trotzdem weiß,
dass sie einfach wichtig sind. Versuchen Sie es doch einmal mit dem
kleinen Wort „dürfen“ anstatt „müssen“. Ich darf
arbeiten gehen. Ich muss nicht arbeitslos sein. Ich darf die
Wohnung putzen, denn ich bin dankbar dafür, dass ich eine schöne
Wohnung habe. Und letztendlich: Ich darf mir Zeit nehmen für
mich, um mich weiterzuentwickeln.

Beobachten Sie auch ihre Gedanken. Wie oft denken Sie an Dinge,
die vergangen sind oder die noch kommen. Immer wenn Sie so denken,
dann sind Sie nicht bewusst im Moment anwesend, dann sind Sie weg. Es
mag am Anfang furchtbar anstrengend sein, immer zu schauen, woran man
eigentlich gerade denkt, aber glaube Sie mir, man kann das trainieren
und Sie werden staunen, wie lang plötzlich ein ganzer Tag dauern
kann.

Hören wir auf nur zu funktionieren! Versuchen wir mehr und
bewusster zu leben, anstatt nur zu überleben!